CHINA DIARY

Fotografien von Carl Bürger 1938-1948


Einführungsrede UKE 10. Juli 2013

Es war im Frühling 2005, als am letzten Tag einer unserer Ausstellungen eine Dame auf mich zu kam und erzählte, dass Sie einen älteren Herren betreuen würde, der in dern 1940er Jahren in China gelebt hätte und sehr viel fotografiert hat in der Zeit. Ob wir die Bilder sehen wollten. So lernten mein Ausstellungspartner Claus Friede und ich Carl Bürger kennen, besuchten ihn in seiner Wohnung in Wellingsbüttel, blätterten durch seine Fotoalben und beschlossen, mit den Fotografien eine Ausstellung zu machen. 

Carl Bürger, geboren 1913, verstorben 2007  94-jährig, ging 1938 für das Hamburger Handelshaus Siemssen & Co. nach Tianjin, um von dort den Export von Produkten aller Art nach Europa zu organisieren. 1945 übernahm er, nach Aufgabe von Siemssen & Co. in China, die Repräsentanz von Fuhrmeister & Co. und gründete ein chinesisches Unternehmen für den Export (Borsten, Felle, Eiprodukte und Därme) und ein Englisches für den Import (Eisenbahnmaterial und Bergbaueinrichtungen für den Wiederaufbau der Infrastruktur). Dazu gleich mehr. 

Selbst als die Kommunisten 1949 in China die Macht ergriffen, blieb Carl Bürger in China – auch um große Lagerbestände an Kamelhaaren und Ziegenfellen im Nordwesten des Landes zu retten und zu verkaufen. Nach der Liquidierung eines Betriebes zur Herstellung von Trockeneiprodukten und trotz der Aussicht auf einen hohen Beamtenposten in der staatlichen Außenhandelsgesellschaft (unter den Kommunisten) verließ  Carl Bürger, nach 14 aufregenden und bewegenden Jahren, 1952 das Land.

Carl Bürger fotografierte bis 1948 immer wieder das damalige Alltagsleben sowohl in den Städten wie auch auf dem Land. Dabei entstanden hunderte von schwarz-weiß Fotografien, deren guter Zustand nicht nur bemerkenswert ist, sondern die auch auf eindrucksvolle Weise das Leben, die Kultur, die Menschen im Reich der Mitte dokumentieren und charakterisieren, wobei die meisten Bilder von Bürgerkrieg, Machtwechsel, Weltkrieg und der Kulturrevolution noch nichts ahnen lassen. Die sehr untypischen und ungewöhnlichen Erlebnisse dieser Zeit sind auf fast akribische Weise auf Negativen gebannt – Zeugnisse einer längst vergangenen Welt.

Einigen wenigen Hamburger Firmen gelang es, selbst in einer Zeit in China gute Geschäfte zu machen, da ein geordnetes Leben durch den Krieg und Bürgerkrieg sowie den Machtwechsel immer schwieriger wurde. Es war eine andere Welt damals vor sechs Jahrzehnten in China. Das machen die Photos in diesem Katalog deutlich. Und es bedurfte einer guten Portion Neugier, Wagemut, Abenteuerlust und Pioniergeist, um  als Ausländer in dieser Welt bestehen zu können.

Zu den Firmen, denen unter diesen Umständen Geschäfte gelangen, gehörte besonders Fuhrmeister & Co. Sie war 1902 in Shanghai gegründet worden und hatte später Niederlassungen in Hankou und Tianjin eröffnet. Sie gehörte damit - vor allem mit Importen von vielerlei Naturprodukten - zu den älteren und bedeutenden Hamburger China-Firmen. Allerdings war ihr Besitz, wie der anderer deutscher Firmen auch, 1945 beschlagnahmt und liquidiert worden. Und es war sehr fraglich, ob überhaupt noch eine Geschäftstätigkeit in China möglich sein würde.

Da Carl Bürger unmittelbar nach dem Krieg unter deutscher Flagge in China nicht weiter Handel treiben konnte, machte sich mit seinem chinesischen Geschäftspartner Kwoh (Guo) in Tianjin selbständig und gründete ein Exportunternehmen, die Hsinmao Trading Company. Das Bürogebäude von Siemens in der Taku Road 120 war gerade von den Amerikanern geschlossen und in "Securities Building" umbenannt worden, so bezogen die beiden Partner mit ihrem neuen Unternehmen Anfang 1946 dort eine Etage und führten lokale und regionale Geschäfte durch. Diese waren außerordentlich erfolgreich, denn China konnte endlich wieder die seit Jahren entbehrten Rohstoffe aus aller Welt einführen und eigene Waren ausführen.

Zur gleichen Zeit beantragte Bürger bei den chinesischen Behörden aber die Ausstellung einer Handelslizenz für Fuhrmeister & Co. Friedrich Fuhrmeister, der Sohn des Firmengründers, war als einer der wenigen Deutschen in Tianjin geblieben; jeder kannte daher jeden - und kannte dessen Sorgen. Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, gehörte aber zu Carl Bürgers speziellen Fähigkeiten. So wurde diese Lizenz am 22. August 1947 von der Stadtregierung Tianjin ausgestellt, "für den Export von Schweinedärmen, Schafsdärmen, Schweineleder und Borsten", wie es in dem Dokument heißt. Das Firmenvermögen wurde mit 20 Mio. Yuan angegeben - es war die Zeit der galoppierenden Inflation in China. Ende 1949 wurde die Lizenz von den kommunistischen Behörden bestätigt. Carl Bürger konnte mit seinem neuen Partner Friedrich Fuhrmeister, mit dem gemeinsam er die Firma als persönlich haftender Gesellschafter bis 1975 leitete, erneut tätig werden. Die Charaktere der beiden Partner waren allerdings äußerst unterschiedlich. Während Fuhrmeister in Tianjin sich seiner Begeisterung für die Lehren Rudolf Steiners, seinem Geigenspiel und vielerlei gesellschaftlichen Aktivitäten hingab, reiste Bürger im Lande herum und machte die Geschäfte. Neben seinen zahlreichen Kontakten und phantasievollen Geschäftsideen hatte er auch auf diesen Reisen stets seine Kamera dabei. Nach Friedrich Fuhrmeisters Tod im Jahre 1975 führte Bürger die Firma allein weiter. 1993 hörte er im Alter von 80 Jahren auf und übergab das Chinageschäft seinem Nachfolger.

Besonders in den Jahren nach der japanischen Kapitulation fand Carl Bürger Gelegenheit, aus der schwierigen Situation auf teilweise höchst abenteuerlichen Wegen das Beste zu machen. Seine Erlebnisse können wohl kaum als typisch gelten - dazu sind sie zu ungewöhnlich -, indessen werfen sie doch ein bezeichnendes Licht auf diese Übergangszeit und können wohl auch als Beispiel eines spezifischen kaufmännischen Pragmatismus gelten.

Als Ende 1947 Maos Volksbefreiungsarmee große Teile Chinas zu kontrollieren begann, hielt nahezu die gesamte Geschäftswelt, soweit sie überhaupt noch in China vertreten war, wie erstarrt inne oder ergriff die Flucht. Carl Bürger nahm die Entwicklung gelassener. Er stand vor der Frage, wie die großen Lagerbestände seiner Firma an Kamelhaaren und Ziegenfellen im fernen Nordwesten Chinas, in Lanzhou und der Oasenstadt Hami, zu retten waren. Diese hatten bisher nicht verkauft werden können, da während der letzten Phase des Bürgerkriegs die Kommunistische Partei das Gebiet kontrollierte - es gab keine Lastwagen mehr, keine Kamelkarawanen und keine Flußschiffe; alle Verkehrsverbindungen waren unterbrochen. Helfen konnte da nur noch General Claire Lee Chennault (1893–1958). Dieser Abenteurer und Haudegen war seit 1937 Berater der Chinesischen Luftwaffe gewesen. Im Dezember 1941 begann er, mit den Jagdflugzeugen seiner "Flying Tigers" sehr wirksam die Japaner im Südosten Chinas anzugreifen. Nach dem Krieg hatte er mit einigen alten Flugzeugen die Civil Air Transport (CAT) gegründet, deren Geschäftsführung er in die Hände seiner chinesischstämmigen Frau, Anna Chen Chennault, legte. Mit diesen Maschinen wurden die eingeschlossenen Städte Nordchinas mit Munition und Proviant versorgt. Bürger gelang es nun, in einem Gespräch Madame Chennault zu bewegen, ihm für einen Tag fünf Maschinen für den Transport der Lagerbestände nach Tianjin zu überlassen. Nachdem Bürger mit den Maschinen abends in Tianjin angekommen war, kommentierte ein Co-Pilot, zum Captain gewandt, trocken: "Ich glaube, wir haben unser Leben für ein paar Krauts aufs Spiel gesetzt."

Das war jetzt ein kleiner Auszug aus der bewegten Geschichte Carl Bürgers und der Firma Fuhrmeister & Co. während dieser Umbruchsjahre. In den schwierigsten Jahren ließen sich mitunter die besten Geschäfte machen, da die meisten Konkurrenten das Feld geräumt hatten. 

Die Ausstellung umfasst insgesamt 120 Fotografien. Sie wurde 2006 in der Hamburger Handelskammer im Beisein von Carl Bürger mit überwältigender Resonanz vom dem damaligen Präses Dr. Dreyer und dem damaligen Generalkonsul Chinas in Hamburg, Herrn Ma Jinsheng, eröffnet. 

Mathias v. Marcard